HOW NOT TO SHOOT IN WAR ZONES

HOW NOT TO SHOOT IN WAR ZONES

Erlebnisse eines Filmstudenten an der Front


Wie dreht man eigentlich einen Studentenfilm in vom Krieg gezeichneten Ländern wie Syrien, Ruanda oder dem Irak? In der mehrteiligen Serie „HOW NOT TO SHOOT IN WAR ZONES“ erklärt Regisseur Konstantin Flemig, wie der Weg von den ersten nebulösen Themenideen bis zum preisgekrönten Dokumentarfilm mit Fernsehsendeplatz aussieht – und warum Kunst manchmal kaum mehr ist als die Summe der überstandenen Katastrophen.

Eine Landstraße, irgendwo im Nordirak. Unser Minibus brettert an Dörfern und kleinen Ölraffinerien vorbei, von denen schwarzer Rauch in den grauen Himmel steigt. Auf den Rücksitzen liegen unsere kugelsichere Westen mit dem Aufkleber, der unsere Blutgruppe verrät. Wir nähern uns der Front. Ein Pickup-Truck voller kurdischer Peshmerga-Kämpfer überholt uns, die jungen Männer mit Sonnenbrillen und Kalaschnikows winken uns zu und grinsen, als sie sehen, dass mein Kameramann sie filmt. Die Aufgabe der Jungs wird es sein uns zu beschützen, sollte etwas schief gehen.

Und was ich mit „schief gehen“ meine, wenn eine Bande deutscher Filmstudenten an der Frontlinie zum Islamischen Staat dreht, möge sich an dieser Stelle bitte jeder selbst vorstellen. Ich tat es, und was sich vor meinem inneren Auge abspielte trug nur bedingt zu meinem Seelenfrieden bei.

In jenem Moment fragte ich mich, nicht zum ersten Mal übrigens: „Wo bin ich nur im Leben falsch abgebogen, dass ich jetzt hier sitze?“ Und genau diese Frage werde ich in dieser Serie zu beantworten versuchen. Und dafür fangen wir am besten etwas vor unserem potentiellen Himmelfahrtskommando an.konstantin-flemig-press-portrait

Teil 1: Die ersten Schritte
Ludwigsburg im Oktober 2013, Semesterbeginn an der Filmakademie Baden-Württemberg. Ich bin Konstantin Flemig, 25, Dokumentarfilmstudent und am nachdenken. Das letzte und wichtigste Filmprojekt meines Studiums steht mir bevor, und ich habe keine Ahnung, um was es gehen soll.

Nun, das stimmt zumindest zur Hälfte.

Mehr als zehn Jahre zuvor, während die halbe Welt gegen den heraufziehenden Irakkrieg demonstrierte, war ich auf einen 8 Zeilen langen Artikel in der Zeitung gestoßen. Der Krieg im Kongo sei vorbei, man vermute mehrere Millionen Tote. Seit diesem Tag wusste ich, dass ich einen Film über Kriegsreporter machen würde, und über die Frage, von welchen Kriegen und Konflikten überhaupt berichtet wird – vorausgesetzt, ich hätte jemals die Chance dazu. Und darauf arbeitete ich in der Folgezeit mal mehr, mal weniger zielstrebig hin: Machte Abitur (ohne etwas, das auch nur aus 100 Metern Entfernung mit Kenntnissen der Mathematik verwechselt werden könnte), besuchte die Deutsche Journalistenschule (ohne jemals ein medienbezogenes Praktikum absolviert zu haben, das den Namen verdient) und drehte meine Bewerbungsdoku für die Filmakademie über eine Freundin in der Demokratischen Republik Kongo (ohne dabei das gut bewachte Gelände des Luxusrestaurants zu verlassen, das sie leitete. Fast. Einmal versuchte ich, illegalerweise auf der Straße zu drehen. Es endete mit einem kleinen aber energischen Mob, der auf unser Auto losging.) Und für meinen ersten richtigen Dokumentarfilm an der Akademie absolvierte ich sogar das Training, das für angehende Kriegsreporter durch die Bundeswehr angeboten wird.


Okay, das Thema lautete also „Kriegsreporter“.

Und jetzt? Ein Thema ist noch kein Film.

Welche Frage soll im Mittelpunkt stehen? Und was kann man zeigen, um diese Frage zu illustrieren? Und wie behandle ich eine Facette des Themas, die es vorher noch nicht zu sehen gab?

Fragen über Fragen. Ich entschied, mich erst einmal vor dieser schwierigen Aufgabe zu drücken und gleich etwas konkreter zu werden: Indem ich mir einen passenden Protagonisten suchte. Und damit ging die Serie an kleinen, mittleren und ausgewachsenen Katastrophen los, die das ganze Projekt begleiten sollte.

Aus irgendeinem Grund gefiel mir die Idee, weg vom Klischee des hartgesottenen, maskulinen Kriegsreporters zu gehen, und eine Frau ins Zentrum des Films zu rücken. Über Google fand ich schnell mehrere Frauen, die in Frage kamen. Zwei gefielen mir ganz besonders, und so schrieb ich beide an. Die eine berichtete eher aus der Sicht des Militärs und war häufig an vorderster Front, die andere hatte ihren Fokus mehr auf das Leiden der vom Krieg betroffenen Zivilisten gelegt. Nach langem Überlegen entschied ich mich für letztere, und es ist gut möglich, dass mir diese Entscheidung das Leben gerettet hat. Denn die erste Fotografin, die ich hier beschrieben habe, war Anja Niedringhaus. Hätte der Dreh mit ihr geklappt ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass ich neben ihr im Auto gesessen hätte, als sie im April 2014 in Afghanistan erschossen wurde.

Ich begann also, mit der zweiten Fotografin zu schreiben, zu telefonieren, und mich mit ihr auf einen Kaffee in ihrem Haus zu treffen. Nennen wir sie Sabine Burger. Das ist zwar nicht ihr wirklicher Name, aber das tut nichts zur Sache. Sie war mir schon am Telefon sympathisch, und was noch wichtiger war: Sie war bereit, mich und mein Team mitkommen zu lassen, wenn sie in den Einsatz zieht. So weit, so gut.

Nun bestand die nächste Herausforderung darin, ein passendes Team zu finden. Die Dokumentarfilmer an der Filmakademie haben es traditionell schwer, motivierte Kamera- und Tonleute für ihre Projekte zu finden. Wahrscheinlich, weil die meisten Studenten lieber in den Bereich Spielfilm wollen (was ich in Anbetracht der überwiegenden deutschen Spielfilmlandschaft eher weniger nachvollziehen kann), und wahrscheinlich auch, weil ihnen die Themen der Dokus zu selten spannend genug waren. Aber hey, ich hatte ein cooles Thema, eine coole Protagonistin, und wer weiß, vielleicht würde ja sogar der SWR mit einsteigen und unsere Reisen um den Globus finanzieren. Das sollte doch sexy genug klingen, um ein kleines Filmteam zusammenzubekommen, oder?

Meine große Chance lag im sogenannten Aka-Pitch: Die gesamte Belegschaft der Filmakademie versammelt sich drei, viermal im Jahr im größten Studio des Campus, wo verzweifelte Regisseure um die Gunst der Kameraleute, Cutter, Animationsexperten, Motion Designer, Tonmenschen und Producern buhlen, in der Hoffnung, am Ende mit einem funktionstüchtigen Team dazustehen. So wie ich.

Ich hatte 5 Minuten Zeit, und um ehrlich zu sein verließ die Erinnerung, was ich eigentlich auf der Bühne erzählt hatte, mein Bewusstsein bereits wenige Minuten nach Ende der Veranstaltung. Ich hatte ein paar Fotos von Sabine Burger gezeigt und viele Dinge gesagt, von denen ich hoffte, dass der ein oder andere Zuhörer sie mit etwas klugem verwechseln würde. Wie sich im Nachhinein zeigen sollte, hatte das gereicht. Kurze Zeit nach dem Aka-Pitch trudelten die ersten Emails bei mir ein, und so traf ich mit auf ein Bier respektive einen Kaffee mit Ana Monte, einer quirligen brasilianischen Tonfrau, und Peter Wedig, einem nicht aus der Ruhe zu bringenden Fernsehjournalisten und Kameramann. Beide stellten sich als absolute Glückstreffer heraus, die nicht nur ihr Handwerk vollkommen beherrschten, sondern mit denen jeder Dreh das Feeling einer Klassenfahrt in der 8. Klasse bekommt. Inklusive Bier und Deine-Mutter-Witzen, die so wenig Niveau haben, dass man uns für VICE-Reporter halten könnte. Meine Cutterin war die einzige, mit der ich schon zuvor gearbeitet hatte, Anna Mentele, verantwortlich unter anderem auch für Exit Exit Exit – Kriegsreporter in Ausbildung, und einer der wenigen Menschen, mit dem ich es aushalten könnte, monatelang in einem dunklen Kämmerchen fernab von Sonnenlicht zu sitzen und den Film zu schneiden.

Kamera, Ton, Schnitt und Regie – die fundamentalsten Mitglieder des Teams standen fest. Die Protagonistin war bereit.

Jetzt konnten die Probleme erst so richtig schön losgehen.
Fortsetzung folgt…

(c) Titelbild by Benjamin Hiller
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Konstantin Flemig studierte an der Deutschen Journalistenschule und der Filmakademie Baden-Württemberg. Als Filmemacher und Journalist drehte er unter anderem im Syrien, dem Irak, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo. Wenn er nicht gerade auf Dreharbeiten ist, unterrichtet er als Dozent an verschiedenen Journalistenschulen und Instituten.

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