HOW NOT TO SHOOT IN WAR ZONES Teil 2 – Misserfolge in Serie

HOW NOT TO SHOOT IN WAR ZONES

Erlebnisse eines Filmstudenten an der Front


Wie dreht man eigentlich einen Studentenfilm in von Krieg gezeichneten Ländern wie Syrien, Ruanda oder dem Irak? In der mehrteiligen Serie „HOW NOT TO SHOOT IN WAR ZONES“ erklärt Regisseur Konstantin Flemig, wie der Weg von den ersten nebulösen Themenideen bis zum preisgekrönten Dokumentarfilm mit Fernsehsendeplatz aussieht – und warum Kunst manchmal kaum mehr ist als die Summe der überstandenen Katastrophen.

Teil 2: Misserfolge in Serie

Ein wettertechnisch nur mäßig sympathischer Morgen im März 2014: Es war es so weit. Nach einem halben Jahr des Nachdenkens und Planens, der Recherche und der Koordination schickte sich unser Film-Team an, zum ersten Dreh mit unserer Protagonistin Sabine Burger aufzubrechen.

Sabine (die nicht wirklich Sabine heißt, aus Gründen, die noch deutlich werden) sollte eine Ausstellung mit ihren Fotografien in einer mittelgroßen Stadt in NRW eröffnen, was für uns knapp vier Stunden Hinfahrt bedeutete, aber hey! Immerhin ging es jetzt los, und wir waren motiviert und optimistisch.
Noch.

Die Fahrt war nicht das Schlimme. Ana – unsere Tonfrau, Peter – der Kameramann und ich, verstanden uns auf Anhieb fantastisch. Nichts bricht unter Filmstudenten schneller das Eis, als gemeinsam über die deutsche Fernsehlandschaft zu lästern, und genau das taten wir. Ausführlichst. Und da dieses Themenfeld mit seinen Musikantenstadln, 08/15-Krimis und den Scripted-Reality-Abscheulichkeiten nicht zu wenig Munition dafür bietet, verging der Hinweg wie im Flug.

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Kameramann Peter Wedig

Manche Regisseure messen dem ersten Drehtag eine beinahe mythische Bedeutung zu, ein prophetisches Omen, wie der ganze restliche Film laufen würde.
Unser erster Drehtag war, und das war jedem von uns noch an Ort und Stelle klar, absolut überflüssig. Ein paar Fotos an der Wand, ein paar interessierte Mittsechziger im Publikum, eine 10-minütige Rede und fertig. Am Abend besprachen wir mit Sabine noch kurz den weiteren Plan, dann fuhren wir nach Hause, ohne eine einzige interessante Minute im Gepäck. Aber so ist das Dokumentarfilmemachen eben manchmal. Wichtiger war, dass unser Trio aus Ana, Peter und mir sich zum ersten Mal in Aktion bewährt hatte und wir gut miteinander klarkamen. Wir hatten an diesem ersten Tag rund 1.000 Kilometer zusammen zurückgelegt – 24.000 weitere sollten bis zum Ende des Projektes noch folgen.

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Cutterin Anna Mentele

Ein Besuch bei Sabine zu Hause wenige Wochen später lief deutlich ergiebiger ab. Sie kochte für uns, wir plauderten und sie zeigte uns ihr Haus, das bis unter die Decke mit Andenken an vergangene Reisen vollgepackt war. Das Wetter zeigte sich wunderschön frühlingshaft, also beschloss ich, unser Interview im Garten zu führen – zum Leidwesen meiner Tonfrau. Denn quiekende Nachbarskinder, scheppernde Autos und Flugzeuge im Landeanflug machen jedes Interview im Freien zur Herausforderung für das Sound Departement, egal, wie hübsch die Bilder später aussehen.

Das Interview dauerte fast zwei Stunden und es war gut. Anders kann man es nicht sagen – und ich war sehr zufrieden mit dem zweiten Drehtag. Wir redeten über Sabines Erlebnisse, ihre Fotos, über die Macht der Bilder und die Doppelmoral der Medien und alles passte wunderbar in die Vorstellung, die ich mittlerweile vom Film hatte: Eine erfahrene ältere Fotografin reflektiert über ihren Berufsstand mit allen hellen und allen dunklen Seiten.

Tonfrau-Ana-Monte-How-not-to-shoot-in-war-zones-Teil-2

Tonfrau Ana Monte

Bei diesem Besuch besprachen wir auch schon, wohin unsere erste gemeinsame Reise gehen sollte: Kambodscha. Hier hatte Sabine vor Jahren einmal ein Foto von einem Kind geschossen, das von seiner Mutter an Menschenhändler verkauft wurde – und welches ihr damaliger Auftraggeber „Brigitte“ nicht drucken wollte, weil es zu hart sei (für die Story wäre es natürlich schöner gewesen wenn sich SPIEGEL, Stern oder die ZEIT geweigert hätten, es zu veröffentlichen, aber man nimmt, was man kriegen kann). Also wollten wir wieder dorthin zurück, um über die Geschichte dieses Fotos sowie die heutige Lage zu berichten. Zwischenzeitlich hatten wir eine Firma gefunden, die unseren Film produzieren wollte, und was noch viel entscheidender war: Bei einem Pitch der Filmakademie konnte ich den SWR und die MfG Filmförderung überzeugen meinen Film zu finanzieren, inklusive Sendeplatz im Fernsehen. Wieder sah es so aus, als könne alles losgehen – und es begann das, was wir bis heute schlicht als „den Fluch“ bezeichnen. Ich versuche, die Ereignisse der folgenden Wochen und Monate möglichst minimalistisch zusammenzufassen:

  • Wenige Wochen vor unserem geplanten Abflug nach Südostasien, brach sich Sabine den Fuß beim Fotografieren… in Trier. Außerdem kam es in Bangkok zu einem Militärputsch, der genau dann stattgefunden hätte, als wir dort gelandet wären um weiterzureisen.
  • Als nächstes stand Afghanistan auf unserer Liste. Sabine hat dort schon oft fotografiert und besonders die Lage der Frauen interessierte uns. Doch daraus wurde nichts, da Sabine die Sicherheitslage – wohl zu Recht – als zu kritisch einstufte.
  • Um ein ehemaliges Kriegsgebiet zu porträtieren, über das nun keiner mehr berichtet, wollten wir in den Gazastreifen fahren. Wenige Wochen, bevor es losgehen sollte, ging allerdings der Krieg wieder los, Tausende starben und die Leitung der Filmakademie sprach ein klares Verbot für unsere Reise aus.
  • Stattdessen fiel die Planung auf den mittlerweile fast eingeschlafenen Ukrainekonflikt. Doch dann wurde ein gewisses Passagierflugzeug abgeschossen, und die ganze Misere flammte von neuem auf, was unsere Pläne wieder einmal zum Scheitern brachte.

Mittlerweile machte sich eine ungeduldige Nervosität im Team breit. Es war inzwischen September und wir hatten – mit Ausnahme des Interviews und der inhaltsleeren Ausstellungsbilder – nichts gedreht. Wir suchten uns also ein neues Ziel und aus den Gründen, die ich im ersten Teil der Serie benannt hatte, wollte ich unbedingt einen afrikanischen Konflikt abdecken. Unsere Wahl fiel auf Ruanda, 20 Jahre nach dem Völkermord an den Tutsi und auf den anhaltenden Flüchtlingsstrom, der aus dem immer noch umkämpften Ostkongo ins Land sickert.

Sowohl unsere Produktionsfirma, als auch Sabine fanden die Idee gut, wir sollten alles vorbereiten. Mittlerweile hatten wir mit Christian auch einen Produktionsstudenten mit im Team, der sich um alle logistischen Herausforderungen kümmern sollte, die auf uns zukommen würden. Dass er und Sabine sich wohl nicht unbedingt so gut verstanden, übersah ich großzügig. Hauptsache wir konnten verdammt noch mal endlich drehen!
Was nicht der Fall sein sollte.
Natürlich nicht.

Die erste Verzögerung (oder besser: die fünfzigste) kam, als Sabine uns mitteilte, dass ihre Gelbfieberimpfung gerade in der Woche zuvor abgelaufen war. Um unser geradezu phänomenal schlechtes Timing zu begreifen ist es wichtig zu wissen, dass eine solche Impfung genau ZEHN JAHRE hält. Und dass man sie zwingend braucht, um in Ruanda einzureisen. Also gut, sagten wir uns, dann eben nochmal verschieben. Mittlerweile war es ein Jahr her, seitdem ich die ersten Ideen zu „Bilderkrieg“ aufgeschrieben hatte.

Dann, endlich, sollte es an die Flugbuchung gehen. Alles würde Gestalt annehmen. Und dann kam die Sache, die fast das ganze Projekt umgekippt hätte:

Als Christian die Flüge buchen wollte, teilte ihm Sabine spontan mit, dass sie ausschließlich Business Class fliegen würde. Außerdem möchte sie die Rechte an den Fotos, die sie auf der Reise macht, behalten.

Was das im Klartext hieß? Wir sollten ihr die komplette Reise finanzieren, inklusive eines Fluges, der für sie teurer war als die Economy-Plätze von Ana, Peter und mir ZUSAMMEN und im Anschluss hatten wir nicht einmal die Garantie, die so entstandenen Fotos im Film verwenden zu können.

Wir taten, was im Rückblick den Film gerettet hat: Wir feuerten unsere Hauptdarstellerin. Da standen wir jetzt, ein Jahr nach Beginn des Projektes, sechs Monate nach Beginn der Dreharbeiten. Ohne Aufnahmen, ohne Protagonistin, ohne Plan.


Den ersten Teil könnt ihr hier nochmal lesen.

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Konstantin Flemig studierte an der Deutschen Journalistenschule und der Filmakademie Baden-Württemberg. Als Filmemacher und Journalist drehte er unter anderem im Syrien, dem Irak, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo. Wenn er nicht gerade auf Dreharbeiten ist, unterrichtet er als Dozent an verschiedenen Journalistenschulen und Instituten.

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